Vom Willen, das Pflänzchen Freundschaft zu pflegen

Ein roter Faden bei unserer Projektarbeit – Begegnung und Debatte

Im Nachhinein betrachtet können alle an der trinationalen Begegnung zwischen jungen Israelis, Palästinensern und Deutschen Beteiligten mit dem Verlauf und dem Ergebnis des Treffens sehr zufrieden sein. Es haben sich junge Menschen mit Dialog- und Friedensbereitschaft getroffen, die mit ihrer Vita verflochten sind in das Gewirr von Schuld und Leid. Dennoch war unverkennbar, dass sie auf einem Weg sind, der ein freundschaftliches Miteinander und nachbarliches Nebeneinander selbstverständlich machen will.

Die Ausgangslage war und ist klar:

Natürlich möchten unsere israelischen Freunde in Frieden und Sicherheit in ihrem Land leben, ohne Angst um ihre körperliche Unversehrtheit und mit der Gewissheit, dass sie für alle Zeiten in ihrer Heimat leben können und willkommen sind. Natürlich möchten unsere palästinensischen Freunde in Frieden und mit der Chance auf ein auskömmliches, menschwürdiges Leben in ihrem Land ihren Alltag gestalten, ohne Angst vor existentieller Bedrohung, mit der Gewissheit, dass sie zukünftig freier und mit Israelis gut nachbarlich verbunden leben können. Vermutlich ist diese Auflistung an Hoffnungen, Erwartungen und Ängsten viel zu kurz, zu oberflächlich, zu ahnungslos ausgefallen. Sie berücksichtigt nicht das tief sitzende Misstrauen, die schwerwiegenden Erlebnisse, persönliche Katastrophen, Schmerz und Trauer um den Verlust lieber Menschen. Sie erfasst nicht die Auswirkungen der Vorurteile zwischen den Volksgruppen und die faktischen Trennungslinien und Mauern, die keinen Raum lassen für ein differenzierendes und zur Annäherung ermutigendes Verhalten. Die Traumatherapeutin Manuela Ziskoven fragt bang: Kann jede Seite davon abrücken sich als wahres und einziges Opfer des Konflikts zu betrachten? Kann die Wende vom passiven Opfer zum aktiven Überlebenden vollzogen werden? Kann die gegenseitige Geschichte akzeptiert werden? Ist eine gegenseitige Anerkennung des Leidens und Mitgefühl möglich? 

Deutsche Jugendliche beginnen zu verstehen

Die deutschen Jugendlichen in unserem Projekt der trinationalen Begegnung wussten natürlich, dass ein Teil des Konfliktes eng mit dem dunkelsten Teil unserer deutschen Geschichte verwoben ist. Sie konnten auch nachfühlen, was es bedeutet in Angst, in Unfreiheit zu leben, wie frustrierend ein Leben in Perspektivlosigkeit ist. Aber wirklich zu Herzen gehend und fassbar waren die Berichte, der neuen Freunde. Die Darlegungen der palästinensischen Gäste über die allgegenwärtige Präsenz des israelischen Militärs in der Westbank, die Methoden und Erniedrigungen, die sie den Palästinensern bei Hausdurchsuchungen antun, machten betroffen. Die israelischen Freunde hörten, wohl zum ersten Mal in ihrem Leben, authentisch von den Beklemmungen und den Todesängsten, dem Gefühl des Ausgeliefertseins, das sie zum Teil selbst in ihrer Militärdienstzeit bei Palästinensern vermutlich wiederholt verursacht haben. Israelische Gäste berichteten, dass sie sich als Soldaten bei solchen Aktionen nicht gut fühlten, nicht auf solche Situationen vorbereitet waren, dass sie als Teil der Besatzungsmacht keine Distanz zu dem Vorgehen entwickeln konnten, dass ihr Eigenschutz, ihre persönliche körperliche Unversehrtheit ihnen vorrangig war. 

Am Anfang steht die Freundschaft und persönliche Nähe

Zu den Pluspunkten der trinationalen Begegnung zählt, dass durch die entspannende Startphase in Berlin, die große Zahl gruppendynamisch bestimmter Kennenlernspiele, die gemeinsamen Besuche in der Weltstadt, das gemeinsame Feiern eine unproblematische Nähe zwischen allen entwickelt wurde. Sicher hat auch die Tatsache, dass die „Fremdsprache“ Englisch die alle verbindende Sprache war, belastbare Verbindung geschaffen. Gespräche unterwegs, Arbeitsgruppen zu Sachthemen, bei der Gestaltung von Freizeit und auch bei der Gestaltung des spontanen Videofilms zeigten, dass jeder mit jedem sach- und situationsbezogen Kontakt aufnahm. „Nationengruppen“ hatten keine wirkliche Bedeutung. Man/Frau war sich nah in Berlin und Kaub. Die gemeinsamen Eindrücke des intensiven Programms: Menschen in Deutschland, Jugend, Familien, Lebensverhältnisse, Institutionen, Kultur, Politisches und Landschaften in Deutschland kennen zu lernen, also gemeinsam Erfahrungen zu machen, das war für die Gesprächskultur eine wesentliche Voraussetzung. Sie waren erlebte Gemeinsamkeit jenseits der Themen und Traumata, die belastend und tatsächlich trennend aus Nahost mitgebracht wurden. So wurde es den israelischen Jugendlichen möglich, mit offenen Herzen die Berichte über Leiden und erniedrigende Erlebnisse der palästinensischen Freunde aufzunehmen. Die palästinensischen Gäste konnten durch alle berechtigten politischen Forderungen hindurch die Ängste und die Zwangslagen ihrer neuen israelischen Freunde erkennen. 

Leidenschaftliche Debatte und Freundschaft

Die Debatten und Gruppenarbeiten waren bis tief in die Nacht sachbezogen und leidenschaftlich, aber immer von dem Willen getragen, das Pflänzchen der Freundschaft und des Dialogs zu pflegen. Sogar eine Kollage im Rahmen des Kunstprojektes, die eine palästinensisch-deutsche Arbeitsgruppe erstellt hatte, wurde Gegenstand tiefgehender inhaltlicher Auseinandersetzung, weil zwei israelische Teilnehmerinnen ein Foto darauf unerträglich fanden. Die Diskussion wogte lange und machte deutlich, dass Schuldzuweisungenkonkret sein müssen, dass negativ pauschalisierende Aussagen das Klima vergiften, weil sie auch Menschen einbeziehen, die nicht gemeint sein können. Über die akademische Erkenntnis hinaus, dass selbst Fotos nicht neutral und objektiv sind, sondern immer auch Stimmungen und Tendenzen transportieren, hat letztlich der Wille zum menschlichen Aufeinanderzugehen das Handeln in der Gruppe bestimmt. Die Diskussion wurde fair bis an ihr Ende geführt, die Kollage aber wurde nicht in die Ausstellung aufgenommen. Eine Entscheidung, die von allen getragen und begrüßt wurde. Einsichten brauchen ihre Argumente und auch Zeit. Hätte unsere trinationale Jugendbegegnung mit den gleichen Teilnehmern und dem gleichen Ergebnis auch in Israel oder in Palästina stattfinden können? Nein, unmöglich! Wir wären nicht frei gewesen, so wie wir uns in Berlin und Kaub frei gefühlt haben, alles zu sagen, alles zu hören, besonderes das Belastende und das Ungerechte, das die Politiker immer noch zwischen den Menschen stehen lassen. Das offene Gespräch braucht den neutralen Ort. Wenn im kommenden Jahr 2012 die deutschen Teilnehmer nach Israel und nach Palästina, genauer gesagt zu Abrahams Herberge fahren, dann besuchen sie die neu gewonnen Freunde in deren Heimat. Die Debatte darüber, wie die Menschen, die Israelis und die Palästinenser, in der Region in zwei Staaten nebeneinander leben können, wie die Checkpoints abgebaut, die Probleme mit den Siedlern beendet, die Mauer durchlässiger werden kann, dafür wird sich in der Region kein neutraler Ort finden lassen, so die einhellige Meinung aller. Aber Freundschaft muss man pflegen, Freundschaft überwindet Grenzen. Freundschaft erträgt unterschiedliche Sichtweisen. Freunde betonen das Verbindende und überwinden das Trennende. So kann Frieden wachsen, wenigstens in kleinen Schritten. Dennoch ist Hoffnung, dass der internationale Druck in Nahost so groß wird, dass der Friede für Israelis und Palästinenser im Großen endlich vorankommt, sonst ...

Dieter Zorbach

 

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