Die Grundwerte, die meinem Engagement im interreligiösen Dialog Gestalt geben, waren auch in diesem Projekt hilfreich und unsere Erfahrungen, die Stärken und Schwächen des Programmes lassen sich mit ihnen gut illustrieren und verdeutlichen. Diese drei Grundideen sind: Encounter – Equip – Exchange (Begegnung, Weiterbildung, Austausch).
Encounter – Begegnung
Für viele deutsche Teilnehmer war es das erste Mal, dass sie Jugendliche aus Israel und oder Palästina kennenlernten. Die theoretische Vorbereitung auf die Themen der Begegnung, insbesondere auf den Nahostkonflikt wurde langsam abgelöst durch persönliche Geschichten und von Freunden berichtete Erlebnisse. Was uns sonst nur über die Nachrichten in der Zeitung und auf dem Fernsehschirm erreicht, aus erster Hand zu erfahren, stellte einen unmittelbaren Zusammenhang zum eigenen Freundeskreis her. Theorie und unbedeutende Information wurden durch Begegnung verwandelt in emotionales Wissen. Für alle israelischen Teilnehmer war es die erste Reise nach Deutschland und für die meisten auch die erste Begegnung mit deutschen Jugendlichen. Nachkommen der Täter und Mitläufer begegneten Nachkommen der Opfer des Holocaustes. Nur vorsichtig wurde an einem Abend an diese gemeinsame Vergangenheit gerührt und kleine Teile der eigenen Familiengeschichte wurden preisgegeben. Aber allein mit dem Besuch der Israelis in Berlin und in Deutschland und dem Erzählen über die eigene dunkle Vergangenheit von deutschen Teilnehmern wurden Schritte aufeinander zu gemacht und Vertrauen ausgedrückt, die tiefere Begegnungen in Zukunft ermöglichen.
Dieter Zorbach hat in seiner Einführung bereits auf die besondere Rolle von Kaub bzw. Deutschland als neutralem Ort aufmerksam gemacht. Trotzdem sich die Israelis und Palästinenser bereits bei vorbereitenden Treffen kennengelernt hatten, kamen die ersten kontroversen Gespräche erst bei dem Besuch in Berlin zustande. Die Konfrontation mit einer Meinung, die meinen Ansichten diametral gegenübersteht, war allerdings weder für die palästinensischen noch für die israelischen Teilnehmer ein Novum. Wertvoll war allerdings der großzügige Zeitrahmen, der gemeinsames Leben über 14 Tage ermöglichte.
Equip – Weiterbilden
Der größte weiterbildende Gewinn lag bei dieser ersten Begegnung sicher bei der deutschen Gruppe, die, was ihr Wissen über den Nahostkonflikt angeht, einen „Nachteil“ gegenüber den Gästen hatte. Auf dem informativen Teil lag daher auch ein großes Gewicht. Möglicherweise resultierte aus diesem großen Informationsbedarf auch dann die Tendenz, diesen unbequemen Fakten und „schlechten Nachrichten“ mit einer Lösung beikommen zu wollen. Es muss wohl nicht eigens erwähnt werden, dass die Problematik der Siedlungen in der Westbank genauso wenig gelöst worden ist wie die der Checkpoints oder der Terroranschläge. Auch auf israelischer und palästinensischer Seite gab es Aha-Erlebnisse:
Die israelischen Teilnehmer äußerten sich durch die Bank erstaunt darüber, dass deutsche Jugendliche genauso gut über den Nationalsozialismus und Holocaust informiert waren wie sie selbst. Palästinensische Teilnehmer dagegen zeigten sich tief bestürzt über das Ausmaß der Vernichtung der Juden in Europa. Der Begriff war zwar bekannt, aber die Tragweite des Geschehens, von der sie hier teilweise zum ersten Mal erfuhren, hatte sie überrascht. Durch den großen Bedarf an Information z. B. über die Themen des Nahostkonflikts kam anderes zu kurz. Nicht alles kann auf einen Schlag gelernt werden, aber ich kann die Bedenken, sich bei einem Gegenbesuch thematisch zu wiederholen, nicht teilen. Stand in Kaub bei der ersten Begegnung das Reden und Berichten im Vordergrund, könnten bei einem Gegenbesuch auch Methoden der Dialogarbeit eingeübt werden wie aktives Zuhören, biographische Arbeit etc. Diese werden für sich genommen nicht den Frieden schaffen, aber können die Teilnehmer auf ein friedliches Zusammenleben vorbereiten und zu Multiplikatoren des jetzt schon gelebten Friedens werden lassen.
Exchange – Austausch
Es waren hauptsächlich die privaten Gespräche und die Runden in Kleingruppen, die Austausch über die verschiedensten Themen erlaubten. Aber auch das gemeinsame Leben hat in den Teilnehmern selbst einige „Austausche“ bewirkt. Ich hoffe, dass die
Erlebnisse wie gemeinsames Klettern noch lange in Erinnerung bleiben, und der Austausch von Ängstlichkeit gegen Vertrauen und von Vorurteilen gegen Neugier ein dauerhafter Tausch ist. Eine sehr erfreuliche Nachwirkung der Jugendbegegnung, die den Wunsch nach Austausch verdeutlicht, sind die Pläne dreier deutscher Teilnehmer. Eine Teilnehmerin hat schon ihren ersten Flug nach Tel Aviv gebucht und wird im November ihre neuen palästinensischen Freunde besuchen. Zwei weitere Teilnehmer, die im nächsten Frühjahr ihr Abitur machen werden, stehen mit Abrahams Herberge in Kontakt, um dort ein Volontariat von drei Monaten bzw. einem Jahr zu beginnen. Sofern es mir beruflich möglich ist, möchte ich den Gegenbesuch in Israel und Palästina mitgestalten und die Erfahrungen aus der ersten Jugendbegegnung fruchtbar machen. Ich würde mich freuen, wenn dafür der Rückhalt bei unserem Unterstützerkreis gegeben wäre.
Rebecca Brückner
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