
Für 24 engagierte Jugendliche aus Israel, Palästina und Deutschland im Alter von ca. 18 bis 27 Jahren hat sich Kaub über 10 Tage als Ort des freien Gesprächs erwiesen, wo man über heikle, äußerst belastende Themen miteinander sprechen kann, ohne den freundschaftlichen Umgangston zu verlieren. „Kaub is the neutral place, where we feel the freedom to discuss our problems which are between us.”, so einer der Gäste aus Nahost.
Den Touristen erzählt man in Kaub auch heute noch Anekdoten über die Zeit von 1919 bis 1923 als es nach dem ersten Weltkrieg sogenannte Brückenköpfe mit Besatzungstruppen der Siegermächte auf der rechten Rheinseite gab. Sie waren im Versailler Friedensvertrag festgeschrieben worden. So war die Region um Koblenz der Brückenkopf unter amerikanischer und die Region um Mainz die Region unter französischer Kontrolle geworden. Bei den Vertragsverhandlungen in Versailles wurden diese Brückenköpfe jedoch von den Unterhändlern nur sehr grob mit dem Zirkel auf der Landkarte eingetragen. Das hatte zur Folge, dass die Region von Kaub bis Welterod außerhalb jeder Kontrollzone blieb. So entstand der Freistaat Flaschenhals, eine vorübergehende Laune der Weltpolitik, eine Region frei vom Einfluss der Mächtigen.
Zwar haben die jungen Israelis, die mit palästinensischen Jugendlichen aus der israelisch besetzten Westbank nach Kaub gekommen waren, die Geschichte des Freistaats Flaschenhals um Kaub herum nicht gekannt, dennoch war ihnen wichtig geworden, dass sie fernab von dem Alltag in Israel und Palästina, ohne Angst vor Terror und der Präsenz junger israelischer Soldaten an den Checkpoints, unbeeinflusst von den politischen Sichtweisen der Politiker, die eine Veränderung hin zum friedlichen Nebeneinander der Völker eher behindern, frei miteinander ins Gespräch kommen konnten. Belastend steht zwischen den Menschen in Israel und den Palästinensern die Angst der einen vor Terroranschlägen und das Gefühl des Ausgeliefertseins der anderen bei den alltäglichen Kontrollen an den Checkpoints in der Westbank und in den Wohnvierteln, sogar in der eigenen Wohnung durch schwer bewaffnete Soldaten. Normalerweise sind die Kontaktmöglichkeiten zwischen den Menschen in Nahost nur gering. Palästinenser dürfen nur in seltenen Fällen mit schriftlicher Sondererlaubnis nach Israel kommen, obwohl sie beispielsweise nur wenige Kilometer von Jerusalem entfernt wohnen. Israelis kennen die Westbank eigentlich nur als Soldaten. In Kaub am Rhein hat man tagelang und bis in die nacht miteinander geredet, gearbeitet und sich freundschaftlich annähern können. Die Realität in der Heimat lässt das nicht zu.
Manuela Ziskoven, Diplompsychologin aus Stuttgart, hat in ihrem Vortrag vor rund 150 Zuhörern im Gymnasium in St. Goarshausen festgestellt: „Kinder aus Palästina kennen in der Regel nur bewaffnete Israelis. Viele Kinder in Israel sehen Palästinenser nur als Terroristen. Bald sind sie erwachsen. Mit ihnen wird der Frieden weiter verhandelt werden. Beide werden sich mit angesammelter Wut, unzähligen Verlusten und Traumatisierung gegenübersitzen, wenn jetzt nichts geschieht.“
Bei den Gesprächen in Kaub wurde von einem israelischen Teilnehmer betont, dass für ihn jetzt erstmalig Palästinenser ein Gesicht und einen Namen haben. Ein anderer betonte, dass er in Vorbereitung auf dieses Treffen in Deutschland erstmalig ohne Waffen nach Beit Shala, in Abrahams Herberge in der Nähe von Bethlehem in der Westbank gekommen ist. Denn dort war er vorher nur als Soldat an einem der Checkpoints im Einsatz gewesen. Ein palästinensischer Teilnehmer berichtete von seinem unbeschwerten und fröhlichen Zusammentreffen mit den „neuen israelischen Freunden“ in Kaub, die sich auch nur Frieden und eine Zukunft in Freiheit wünschen.
Diese offenen Gespräche, die alle Belastungen, Ängste und Ungerechtigkeiten im Nahen Osten offen und klar aussprechen und dennoch eine bewusste Annäherung über Grenzen hinweg zum Ziel haben, sind eben nur auf neutralem Boden und unter der Beteiligung der deutschen Jugendlichen, die Vieles hörten, das sie nicht kannten oder in der Tragweite bisher nicht einschätzen konnten, erst möglich geworden. In Kaub wurde ein Mosaikstein für eine Friedensordnung gelegt, weil sich dort junge Menschen getroffen haben, die dem bekannten Lauf der Politik ihren eigenen Beitrag zur Aussöhnung entgegensetzen, die Freundschaften begründen wollen.
Im Jahr 2012 wollen die deutschen Teilnehmer der trinationalen Begegnung die neuen Freunde in Israel und Palästina besuchen, auch wenn ein gemeinsames Wiedersehen aller an einem Ort nicht realisierbar sein sollte. Vielleicht kann im Jahr 2013 Kaub wiederum zum Ort des freien und unbelasteten Gedankenaustausch werden.
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