Jerusalem: Grabeskirche

Ein emotionales und spirituelles Erlebnis stellte unser sonntäglicher Besuch der Grabeskirche dar. Die Grabeskirche überwölbt die Stätten von Kreuzigung, Grablegung und Auferstehung Christi. Jede Kapelle und jede Räumlichkeit ist einem Ereignis geweiht, das mit der Leidensgeschichte Christi oder mit seiner Auferstehung in Zusammenhang steht.Obwohl die Grabeskirche als eine der heiligsten Stätten des Christentums gilt, ragt sie nicht majestätisch empor, sondern ist eingezwängt in ein Gewirr aus Läden und Häu-sern, ist umbaut und überbaut von Kapellen, Zellen und Klöstern und präsentiert sich als verworrene, labyrinthartige Anhäufung verschiedenartigster Einzelteile.

Sechs verschiedene christliche Gemeinschaften,
1. griechisch-orthodoxe,
2. römisch katholische,
3. armenisch,
4. syrisch,
5. Kopten und
6. Abessinier oder Äthiopier
betreuen diese Kirche, die alle auf einmalige Art und Weise ihr Platzrecht einfordern. Mit Argusaugen bewachen sie das jeweils von ihnen eroberte Territorium und lauern darauf, eine der anderen Gemeinschaften bei der Ver-letzung des „Sta-tus quo“ zu ertap-pen. Keine Lampe, kein Bild, kein noch so kleiner Gegenstand darf bewegt werden, denn daraus könnte ein Anspruch abgeleitet werden. Das Recht, der „Status quo“, der 1852 schriftlich niedergelegt wurde, bestimmt genau, wann und wo welche Gemeinschaft die Messe zelebrieren darf. Sogar die Brennzeiten der Lampen sind vor-geschrieben, und das Öffnen der Fenster erfolgt nicht willkürlich, sondern in Übereinstimmung mit ur-kundlich bestätigten Regeln: Das ist, dessen Änderung immer wieder an-gestrebt und immer wieder abgelehnt wird. Sogar auf den Versailler Friedensverhandlungen und vor dem Völkerbund wurde darum gestritten.

Nach diesem „Status quo“ haben die Griechisch-Orthodoxen die meisten Rechte. Sie kontrollieren mit etwa 65 Prozent den größten Teil der Grabes-kirche. Es folgen die römischen Katholiken, die hier als „Lateiner“ bezeichnet werden, und die Armenier. Kopten und Syrer besitzen nur je eine Kapelle. Wahre Ausgestoßene sind die äthiopischen Orthodoxen: Sie dürfen lediglich das Grab des Joseph von Arimathia ihr Eigen nennen. Es ist ein winziges Loch, zu dem man nur durch koptisches Terrain gelangt. Auf dem Dach der Helenakapelle unterhält das äthiopische orthodoxe Patriarchat ein Klosterdorf: In 20 weißgetünchten Hütten wohnen 20 Mönche. Es bildet die IX. Station der Via Dolorosa. Unweit der Abessinier haben auch die Kopten ein „Dachkloster“. Sie bringen ihre Geringschätzung der rechtlosen Abessinier u.a. dadurch zum Ausdruck, dass sie hin und wieder handfeste Streitigkeiten provozieren. Als sie 1967 die Osterfeier der Abessinier störten, kam es zu schweren Krawallen und Ausschreitungen.

Wer geglaubt hat, in der Grabeskirche Eintracht der christlichen Gemeinschaften, Andacht und Ruhe zu finden, wird sich getäuscht sehen: Es herrscht 'kalter Krieg' zwischen den Kon-fessionen. Selbst die Klangkulisse ist eine Folge psychologischer Krieg-führung: Von permanenten Aus-besserungsarbeiten herrührende Hammer- und Meißelschläge mischen sich mit griechischen Chorälen, dem Orgelbrausen der Franziskaner und dem Gebimmel armenischer Glöckchen. Doch hat es auch Zeichen überkonfessioneller Verständigung gegeben. So wurde 1958 nach 30-jährigen Verhandlungen ein Abkommen über notwendige Reparaturen erzielt (sie wurden jedoch, da man sich über die Ausführung einzelner Arbeiten - so darüber mit welchen Motiven das Dach der Rotunde ausgeschmückt werden soll - nicht einigen konnte, bis heute nicht abgeschlossen). Und Papst Paul VI. durfte 1964 die Messe lesen zu einer Stunde, auf die die römischen Katholiken keinerlei Anspruch haben.

Baugeschichte
Im Jahr 326 kam die Mutter Kaiser Konstantins des Großen, Helena, nach Jerusalem. Hier teilte Bischof Makarios ihr mit, dass sich unter dem von Kaiser Hadrian errichteten Venustempel (135 n. Chr.) die Kreuzigungsstätte und das Grab Christi befänden. Auf Anraten Helenas ließ Konstantin umfangreiche Untersuchungen an den genannten Orten durchführen. Nach positivem Verlauf der Untersuchungen wurde der Venustempel völlig abgerissen, und im Jahre 326 begann der Bau einer Basilika über den heiligen Stätten. Die  Weihe erfolgte im Jahre 335.
Nach der Zerstörung durch die Perser im Jahr 614 ließ Modestos die Kirche rekonstruieren. Die muslimischen Wüs-tenreiter unter Kalif Omar (638) fügten der Kirche keinerlei Beschädigungen zu, doch der Fatimide al-Hakim ließ sie  1009einschließlich des Felsengrabes systematisch zerstören. Anlässlich seiner Thronbesteigung befürwortete 1042 Kaiser Konstantin Monornachos eine Subventionierung des Wiederaufbaus. An eine Rekonstruktion der kon-stantinischen Basilika war dennoch wegen Geldmangels nicht zu denken. Mit der Kirche des 4. Jh.s stimmte lediglich die Rotunde über dem Grab Christi überein. Von 1099 bis 1149 bauten die Kreuzfahrer eine romanische Kirche an die Rotunde an.
Ein verheerender Brand von 1808 führte danach zu einem teilweise geschmack- und stillosen Wiederaufbau. Auch ein schweres Erdbeben von 1927 hat die heutige Grabeskirche im Wesentlichen nicht verändert, sie gleicht somit dem 1149 geweihten Kreuzfahrerbau.

Außenfront
Durch ein kleines Tor, ein Säulenportikus, tritt man in das Atrium, das ursprünglich die Funktion eines Ortes der Sammlung und der Ruhe zwischen Straße und Heiligtum hatte. Zu viele Besucher verhinderten das er als solcher erlebt werden konnte: Die romanische Fassade des Kreuzfahrer-baus steht vor uns, und an keiner anderen Stelle wirkt die Grabeskirche so ruhig, so erhaben und monumental. Reste von Säulen aus römischer Zeit liegen über den Platz verstreut. Rechts vorn steht das griechisch-orthodoxe Abrahamskloster, weiter säumen Kapellen der orthodoxen Griechen, der Armenier und Kopten den Vorhof. Die Stufen rechts des Kircheneingangs dienten den Kreuzfahrern als Zugang zum Golgatha. Dieser Zugang ist jedoch seit dem 12. Jh. vermauert.
Den Eingang der Grabeskirche bilden zwei reich verzierte Portale. Die Origi-nale der Türstürze befinden sich im Rockefeller-Museum. Über dem rechten Portal sind die Auferweckung des Lazarus, der Einzug in Jerusalem und das letzte Abendmahl dargestellt. Der Türsturz des linken Portals weist über-wiegend pflanzliche Motive auf.

Auf dem Dach der Grabeskirche steht eine Leiter, die deshalb erwähnenswert ist, weil sie bereits auf Skizzen und Gemälden des 19. Jh.s erscheint. Niemand entfernt sie, ihre Funktion ist nicht bekannt, und allem Anschein nach überdauert sie auch die Restaurierungsarbeiten als typischer Auswuchs des „Status quo“: Jede Ver-änderung wird vermieden, um Zu-sammenstößen vorzubeugen. Übrigens wird der Eingang der Grabeskirche von zwei muslimischen Familien bewacht, die den Wach- und Schließ-dienst schon seit osmanischer Zeit versehen.

Das Innere der Grabeskirche
Nach Betreten der im Inneren überaschend hellen Kirche fällt der Blick auf den Salbungsstein, die XIII. Station der Via Dolorosa. Der Salbungsstein ist eine schlichte Platte aus rötlichem Kalkstein, der von  Lampen erleuchtet ist. Er ist „Besitz“ aller in der Grabeskirche vertretenen Konfessionen. Zur Kreuzfahrerzeit wird dieser Stein erstmals erwähnt Die jetzige Fassung stammt aus dem Jahre 1810. Nach griechischer Überlieferung soll an die-ser Stelle der Leichnam Christi vom Kreuz ge-nommen und katholische Überlieferung vor der Grablegung gesalbt worden sein. Unter der „Salbung“ ist allerdings keine Einbalsamierung zu verstehen, sondern eine dem Toten erwiesene Ehrenbezeugung. Viele Gläubige knien vor den Stein nieder, packen ihre Reliquien aus, reiben sie an Salbungs-stein und glauben, eine unsichtbare Kraft segne ihre Stücke.

Dass die heiligen Stätten dicht beieinander liegen, zeigt folgende Passage des Evangelisten Johannes: Joseph von Arimathia, ein Jünger Jesu - allerdings nur im geheimen, denn er hatte vor den Juden Angst -, bat Pilatus, den Leichnam Jesu abnehmen zu dürfen. Pilatus gab ihm die Erlaub-nis. Er ging hin und nahm den Leichnam ab. Auch Nikodernus, kam und brachte etwa 100 Pfund von einer Mi-schung aus Myrrhe und Aloe mit. Sie nahmen den Leichnam Jesu und wickelten ihn mitsamt der Kräuter-mixtur in Leinentücher, so wie es bei den Juden beim Bestatten üblich ist. Am Kreuzigungsort war ein Garten, und in dem Garten war ein neues Grab, in das noch niemand gelegt worden war. Dorthinein legten sie Jesus am Vorsabbattag der Juden wegen und „weil das Grab so nahe war." (Johannes 19,38 ff.) Die Wand hinter dem Salbungsstein schmücken Ikonen der orthodoxen Griechen.

Stelle der drei Frauen
Geht man links weiter, gelangt man an die „Stelle der drei Frauen'“ bzw. „Stelle der drei Marien“, eine umzäunte Steinplatte in armenischem Besitz. Un-ter den drei Frauen sind Maria, die Mutter Jesu, ihre gleichnamige Schwester und Maria Magdalena zu verstehen. Diese drei Frauen standen (Johannes 19,25) beim Kreuz.

Rotunde
Als einziger Bauteil der jetzigen Gra-beskirche stimmt die Rotunde  noch mit der 'Anastasis', der „Auf-erstehungskirche'“ Kaiser Konstantins, überein. Die Form ist dieselbe, und die Außenmauern sind bis auf eine Höhe von knapp 11 m konstantinische Mar-morsäulen und 18 massive Pfeiler unterstützen die Kuppel, eine Holz-konstruktion aus dem Jahre 1810, die 1868 mit Eisen verstärkt wurde.
Der Umgang wurde in ein Gewirr aus Kapellen, Lager- und Wohnräumen umfunktioniert, die den verschiedenen Gemeinschaften zugeteilt sind. Wie der Salbungsstein ist die Rotunde gemein-schaftlicher Besitz aller in der Grabeskirche vertretenen Gemeinschaften.

Heiliges Grab
Das Christusgrab liegt im Zentrum. Der über dem Grab Christi errichtete Bau wurde erst nach dem verheerenden Brand von 1808 erbaut. Er befindet sich im Besitz der Griechisch-Ortho-doxen und der Armenier. Das ursprüngliche Felsengrab war bereits 1009 zerschlagen worden. Das Grabmal ist 8,30 m lang, Breite und Höhe betragen je 5,90 m. Die Seitenwände sind mit 16 Säulen geschmückt, auffälligste Dekoration bil-den 43 genau abgezählte Lampen, die von Päpsten, Kaisern, Königen und anderen den 'Status quo' beeinflussenden Potentaten gestiftet wurden: Je 13 gehörenden „großen“ Gemeinschaften, vier sind im Besitz der Kopten. Der Felsen unter dem Grabmal gilt seit Jahrhunderten als Grab Christi. Forschungen und archäo-logische Untersuchungen scheinen diese Annahme im Wesentlichen zu bestätigen. Im 19. Jh. entdeckte jedoch der englische General Gordon das so genannte Gartengrab, das einige Anglikaner noch immer als das echte Grab Christi ansehen. Auch diese Stätte besuchten wir. Laut Johannes- und Matthäus-Evangelium lag das Grab Christi in unmittelbarer Nahe der Kreuzigungsstätte und gehörte Joseph von Arimathia.

Man betritt zunächst eine Vorhalle, die so genannte „Kapelle des Engels“. Hier wird ein Fragment des Felsens ge-zeigt, auf dem der Engel saß, als er den Frauen die Auferstehung Christi verkündete: „Als der Sabbat vorüber war, in der Dämmerung des ersten Wochentages, kamen Maria Magda-lena und die andere Maria, nämlich die Mutter von Jakobus' des Jüngeren, um nach dem Grab zu sehen. Da fing die Erde stark zu beben an, der Engel des Herrn stieg vom Himmel herab, trat herbei, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf... Der Engel aber sagte zu den Frauen: Habt keine Angst! Ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzig-ten. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden, wie er es gesagt hat" (Matthäus 28,1 ff.). Von der Kapelle des Engels führt ein schmaler Durchlass zum in-nen marmorverkleideten Raum über dem Grab. Dieser Ort ist auch die  letzte Station der Via Dolorosa. Die Platte aus rötlichgelbem Marmor rechts verschließt das Heilige Grab.

Da der Raum sehr klein ist und nur vier Personen Platz bietet, kann es bei jedem unserer Besuche  zu großem Gedränge und zu langen Wartezeiten. Deshalb wurden die Besucher gebeten, sich nicht länger als einige Minuten aufzuhalten. Zur Osterzeit des Jahres 2010 stimmten der julianische und der gregorianische Kalender überein. In der Rotunde und vor dem Heiligen Grab fanden viele Feierlich-keiten der verschiedenen Glaubensgemeinschaften statt. Da die Konfessionen unterschiedlicher An-sicht darüber sind, wann genau Christus auferstanden sei, werden die Feiern nicht am selben Tag ab-gehalten. Spektakulärstes Ereignis ist das „Erscheinen des Heiligen Feuers“ Jeweils am Karfreitag wird die Eingangstür zur Kapelle des Engels verschlossen. Am Karsamstag betreten dann der griechisch-orthodoxe Patriarch - er legt dabei Ornat und Krone ab - und ein armenischer Priester das Grabmal. Die Tür wird hinter ihnen wieder geschlossen, und in der Rotunde warten viele Gläubige mit Kerzen, Fackeln und Lampions auf das Erscheinen des Heiligen Feuers. So-bald Rauch durch eine Öffnung in der Seitenwand des Grabmals dringt, bricht die Menge in Jubel über das Wunder aus: Der Erzengel Gabriel hat dem Patriarchen das Himmelslicht geschenkt, per Patriarch tritt mit dem Heiligen Feuer aus dem Grabmal, und jeder Gläubige versucht, seine Kerze, Lampe, Fackel an dem Span in der Hand des Patriarchen zu entzünden. Im Jahre 1834 wurden in dem dabei entstehenden Gedränge Menschen zertrampelt. In Ekstase schreienden Menschen, die tanzen, brüllen, beten, ihre Fackeln schwingen, sich im Taumel „heidnischer“ Trance Kleider vom Leib reißen, sich umarmen und sich gegenseitig in die Luft werfen, sind zu beobachten.

Auf der Rückseite des Heiligen Grabes befindet sich die Kapelle der Kopten. Am Unterbau des Altars ist ein Stück vom Felsengrab zu sehen. Gegenüber der Kapelle der Kopten liegt zwischen zwei Pfeilern die Kapelle der syrischen Jakobiten. Hier kann man die konstantinische Mauer aus dem 4. Jh. sehen.

Eine enge und niedrige Tür auf der Rückseite der Jakobitenkapelle führt in das so genannte Grab des Joseph von Arimathia, das den Abessiniern gehört. Es handelt sich um eine jüdische Grabkammer aus dem 1. Jh. n. Chr. Laut Nikodemosevangelium soll Joseph von Arirnathiavon den Juden in eine versiegelte Kammer gesperrt worden sein, weil er sich von Pilatus den Leichnam Christi erbeten hatte. In der Auferstehungsnacht errettete ihn Christus aus dieser Kammer, ohne dabei die Siegel zu verletzen. Bei dem Geschichts- und Geschichtenschreiber Josephus Flavius indes heißt es: Als bei der Einnahme Jerusalems durch Titus (70 n. Chr.) eine dicke Mauer aufgehauen wurde, entdeckte man darin einen ehrwürdigen Greis mit schlohweißen Haaren. Der Mann gab sich als Joseph von Arimathia aus: nach eigenen Angaben wäre er von den Juden eingemauert worden (ein zweites Mal?), weil er Christus be-graben hatte. Himmlische Speise und himmlisches Licht hätten ihn am Leben erhalten.

Zwischen zwei Säulen auf der Nordseite der Rotunde gelangt man zum Altar der Maria Magdalena. Betrachtet man die Säulen genauer, erkennt man, dass es sich um die Hälften einer einzigen Säule handelt. Die Verjüngung der Säule mit dem unteren Ring setzt sich in der Säule mit dem oberen Ring fort. Der den römischen Katholiken gehörende Altar der Maria Magdalena erinnert daran, dass Jesus Maria Magdalena erschien, als die Frauen verwirrt vor dem leeren Grab standen. Den Mann, den Maria Magdalena plötzlich sah, hielt sie zu-erst für den Gärtner und verdächtigte ihn, den Leichnam Jesu fortgeschafft zu haben. Doch der vermeintliche Gärtner war der Auferstandene. Er er-teilte ihr den Auftrag zu verkünden, dass sie den Herrn gesehen habe (Johannes 20,14 ff.).

Nördlich dieses Altars liegen die Sakristei und weitere Räume der Franziskaner.  Hier steht eine Orgel. Östlich des Altars der Maria Magdalena erstrecken sich die so ge-nannten Bogen der Jungfrau. Es handelt sich um eine Siebenerarkade mit unterschiedlichen Säulen,

Den östlichen Abschluss dieses Seitenschiffs bildet eine den Griechisch-Orthodoxen gehörende Kapelle, die unsinnigerweise als 'Gefängnis Chris-ti' bezeichnet wird. Bekanntlich lagen Gefängnis und Kreuzigungsstätte weit auseinander.

Im östlichen Chorumgang befindet sich die Kapelle des hl. Longinus. Longi-nus wird in den Apokryphen mit dem römischen Soldaten identifiziert, der Jesus seine Lanze in die Seite stieß (Johannes 19,34), bzw. mit dem römi-schen Hauptmann, der rief, "Wahrlich, dieser Mensch war Gottes Sohn!", als beim Tod Jesu der Vorhang des Tem-pels zerriss (Markus 15,39).

Neben der Longinuskapelle, ebenfalls im östlichen Chorumgang, liegt die den Armeniern gehörende 'Kapelle der Kleiderverteilung'. Diese Kapelle er-innert daran, dass die Soldaten nach der Kreuzigung die Kleider Jesu ver-teilten und um seinen Leibrock, der ohne Naht war, das Los warfen (Jo-hannes 19,23 ff.) Dieser Leibrock wird im Jahr 2010 in Trier gezeigt werden.
Neben der Kapelle der Kleiderver-teilung führen 29 Stufen hinunter zur armenischen Helenakapelle, die den Armeniern gehört. Die Wände dieser Treppe sind über und über mit ein-geritzten Kreuzen bedeckt, die größ-tenteils aus dem Mittelalter stammen: Pilger wollten sich verewigen, doch im Unterschied zu heute ohne ihren Na-men zu nennen - kleine Kreuze in der Gemeinschaft Christi. Die dreischiffige Kapelle, jedes Schiff hat eine Apsis, ist ein Kreuzfahrerbau aus dem 12. Jahr-hundert. Vier gedrungene Säulen tra-gen die Kuppel dieses Raumes, der vielleicht der anmutigste und stim-mungsvollste in der ganzen Grabeskir-che ist. Die mächtigen Kapitelle werden ins 8. Jh. datiert. Über dem Kuppeldach, durch das das Licht fällt, befindet sich das Kloster der äthiopischen Orthodoxen.
Ein hinter einem Altar verstecktes Türchen führt von der Helenakapelle in eine riesige Felshöhle, die leider nicht zugänglich war. Hier entdeckten Ar-chäologen die Darstellung eines in den Fels geritzten Handelsschiffes (2. Jh.).

Von der Helenakapelle führen 13 schmale Stufen zur Kreuzauffindung-krypta, einer ehemaligen Zisterne. Der Raum ist fast leer. Hier soll ein Jude namens Judas, der später zum Christentum übertrat und den Märtyrer-tod starb, unter der Aufsicht der Kaiserin das Kreuz Jesu samt Nägeln sowie die Kreuze der beiden Schacher gefunden haben.

Hat man Kreuzauffindungskrypta und Helenakapelle über die Treppe ver-lassen, gelangt man wieder in den östlichen Chorumgang. Links vom Auf-gang liegt die Kapelle der Be-schimpfungen, die den Griechisch-Orthodoxen gehört. Der Säulenstumpf soll von der Säule stammen, an die Jesus gebunden war, als er von den römischen Soldaten beleidigt, ge-schlagen und gegeißelt wurde. Geht man in das östliche Seitenschiff, befindet sich rechts der Eingang zum Katholikon  und geradeaus sieht man den Salbungsstein. Links des Salbungssteins ist der Eingang zur Adamskapelle. Die reich mit Ikonen und Reliquien geschmückte Kapelle gehört den Griechisch-Orthodoxen. Hier befindet sich das „Grab Adams“. Der Schädel Adams soll an dieser Stelle gefunden worden sein. Durch eine Glasscheibe kann man einen Teil des Golgathafelsens sehen. Der Spalt im Felsen wird mit Matthäus 27,51 erklärt: Beim Tod Jesu erbebte die Erde, und die Felsen spalteten sich. Anstelle der Bänke neben dem Eingang standen bis 1810 die Grab-tröge zweier berühmter Kreuzfahrer, nämlich Gottfrieds von Bouillon (Vogt des Heiligen Grabes 1099/1100) und Balduins l. von Boulogne (König von Jerusalem 1100-1118).
Auf beiden Seiten der Adamskapelle führen steile Treppen zum etwa 5 m höher gelegenen Golgatha bzw. Kal-varienberg hinauf. Dort befinden sich auch die Stationen X bis XIII der Via Dolorosa. Um die Reihenfolge einzu-halten, benutzen Kreuzwegpilger die (den römischen Katholiken gehörende) rechte Treppe. Sie führt zur Kapelle der Schmerzen und zum Kreuz-annagelungsaltar.

In den Evangelien wird Golgatha als „Schädelstätte'“ gedeutet. Dem entspricht der auf das Lateinische zurückgehende Name Kalvarienberg (cal-varia = Hirnschale). Doch widersprechen sich die Deutungen des Namens. Der griechische Kirchen-schriftsteller Origenes führt den Namen darauf zurück, dass hier der Schädel Adams gefunden wurde. Am wahrscheinlichsten ist die Deutung, dass es sich bei Golgatha um eine schädel-förmige Anhöhe außerhalb der damaligen Stadtmauern Jerusalems gehandelt hat, die noch dazu als Richt- und Bestattungsort diente. Der lateinische Kirchenvater Hieronymus wiederum leitet den Namen Golgatha von den Schädeln der dort Be-grabenen her.

Der in seinem unauffälligen Prunk sehr stimmungsvoll wirkende Kreuzannagelungsaltar mit Reliefs und dem Mosaik im Hintergrund gehört den römischen Katholiken. Gleich daneben liegt die Kapelle der Schmerzen, die ehemalige „Kapelle der Franken“, in der die Franziskaner täglich die Messe lesen.

Der ebenfalls den römischen Katholiken gehörende Stabat-Mater-Altar erinnert an die Stelle, wo „die schmerzensreiche Mutter stand“ und mit ihrem gekreuzigten Sohn litt. Der den orthodoxen Griechen gehörende Kreuzigungsaltar ist über und über mit Lampen und Ikonen bedeckt. Durch Panzerglas ist seit 1989 der Felsen zu sehen, wo das Kreuz Jesu gestanden haben soll. Die Freilegung des zuvor von Marmorplatten verdeckten Golgatha hat nichts Außer-gewöhnliches zu Tage befördert. Man erkennt lediglich, dass der Felsen an einigen Stellen mit dem Meißel bearbeitet wurde; zudem ist eine kleine rote Marmorplatte sichtbar, die möglicherweise zu einem älteren Fuß-boden gehörte. Im Bogenfeld hinter dem Altar befinden sich lebensgroße Darstellungen von Maria, Jesus und dem Lieblingsjünger Johannes.

Geht man die zum Kreuzigungsaltar führende östliche Treppe, die den orthodoxen Griechen gehört, hinunter, gelangt man geradeaus in das Katholikon. Das Mittelschiff der Kreuzfahrerkirche gehört den orthodoxen Griechen, die fast überall Wände einziehen ließen, um so ihren eigenen Kirchen-raum zu gewinnen, das Katholikon. Fast alle Wände des Katholikon sind während der Reparaturen aus-gebessert worden, die Pfeiler wurden teilweise ausgewechselt. Blickfang im Katholikon ist eine Marmorschale unter der Kuppel: der „Omphalos“, der den „Nabel“ der Welt“ darstellen soll. Eine kleine Nische gibt Platz zum Nachdenken. Viele Gedanken gehen durch den Kopf. Vorurteile und Urteile sind z.B. „In keiner Stadt der Erde wird soviel gelogen, betrogen und gerafft wie in Jerusalem“. Eine provokatorische Äußerung, die Anerkennung und Widerspruch fordert. Man denkt, denkt nach und trotzdem treibt man weiter, ohne Ergebnis, ohne Lösung.

Text: Siegbert Sattler