Die Forschungsarbeit der Ruppertshofer Heimatforscherin, Ellen Stein, öffnen uns die Tore zum Kibbuz Merav
Israel und Palästina, die fremde und faszinierende Welt, ist uns zunächst aus den Weltnachrichten, aber auch aus dem Lesen in der Bibel, dem Hören auf die geläufigen biblischen Texte bekannt und voller zwiespältiger Gefühle nah. Da macht es Sinn, die oft genannte Region im Nahen Osten und die namentlich so vertrauten Orte einmal zum Thema einer Studienreise zu machen. Dauerhaft einprägsam wurde uns die „Flugreise nach Israel“ durch einen Auftrag, den wir aus Ruppertshofen, dem kleinen Taunusdörfchen, auf unsere Reise mitnahmen:
„Besucht bitte Judy Singer in Israel im Kibbuz Merav, deren Familiengeschichte so eng mit Ruppertshofen verbunden ist. Judy sucht Kontakt zur Heimat ihrer Mutter und Großeltern!"
Am Anfang standen die Recherchen von Ellen Stein aus Ruppertshofen, Lehrerin in Miehlen und Heimatforscherin.
Mit großem Fleiß und vielen Gesprächen unter den noch lebenden Zeitzeugen des Dorfes hat E. Stein erkundet, welche Menschen jüdischen Glaubens in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, also in der Zeit der Herrschaft der Nationalsozialisten und Adolf Hitlers, dem dunkelsten Kapitel in der deutschen Geschichte, in Ruppertshofen lebten und welches Schicksal damaligen Mitbürgerinnen und Mitbürger unter der Nazidiktatur erlitten haben. Ihr Ortspfarrer Michael Wallau unterstützte Ellen Steins Arbeit umfänglich.
Mein Bericht über unseren Besuch im Kibbuz Merav kann nicht der Ort sein, um all die Gräuel und Verbrechen in Erinnerung zu rufen, die die Nazi-Schergen begangen haben. Wer sich darüber informieren will, dem kann ich nur den Besuch in Yad Vaschem in Jerusalem, dem Ort des Erinnerns an das schreckliche Geschehen des Holocaust oder in einem Konzentrationslager, beispielsweise in Dachau bei München oder in Auschwitz in Schlesien, Polen, ans Herz legen. Aus Rassenhass wurden im Auftrag der Regierung Adolf Hitlers zwischen 1938 und 1945, also bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, über 6.000 000 Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland und aus den von den deutschen Truppen besetzten Gebieten Europas interniert und in Vernichtungslagern unter unsäglichen Leiden umgebracht. Unfassbar, unbeschreiblich, unmenschlich, unentschuldbar!
Ellen Stein hat herausgefunden, dass in Ruppertshofen zu dieser Zeit noch fünf jüdische Familien lebten. Sie hat versucht, das Schicksal dieser damaligen Mitbürgern zu erforschen. Die Juden, die die verbrecherische Entwicklung der deutschen Innenpolitik dieser Zeit früh genug erkannten, waren, solange es noch ging, weggezogen. Zunächst haben sie in Frankfurt/Main Zuflucht gesucht, wie auch die Familien Friedberg und Blumenthal. Aber dann verlor sich die Spur über den weiteren Verbleib. So ist das Schicksal der meisten jüdischen Mit-bürger trotz intensiven Quellenstudiums, ausführlicher Interviews mit alten Ruppertshofer Bürgerinnen und Bürgern, die zum Teil im Altenheim aufgesucht werden mussten, ungeklärt.
Aber manchmal gibt es auch nicht vorherzusehende Zufälle.
So gab Ellen Stein anlässlich einer Studienfahrt nach Hamburg, ebenfalls im Rahmen der Initiative 55 plus-minus organisiert, beim Besuch in „Ballinstadt“, der Auswanderersiedlung, den Namen eines der verschollenen Rup-pertshofer Juden in das EDV-System ein, das die Namenslisten der amerikanischen Einreisebehörden ent-hielt.
Welche Überraschung, welches Forscherglück! E. Stein fand auf dieser Einwandererliste die Namen der ver-schollenen Familie Blumenthal (Milian, Clementine und Brigitte).
Also hatten es die Blumenthals geschafft, Deutschland rechtzeitig in Richtung Amerika zu verlassen!
Unabhängig von Ellen Steins Bemühungen war Judy Singer, die Israelitin aus dem Kibbuz Merav, auf der Suche nach der Heimat ihrer Vorfahren. Ihr Anruf landete zur Überraschung und Freude von Ellen Stein und Pfarrer Wallau in Ruppertshofen. Damit war das Schicksal von Milian Blumenthal, seiner Frau Clementine und der damals fünfjährigen Tochter Brigitte geklärt.
Judy Singer, die Tochter von Brigitte Blumenthal, wurde in Kansas, Amerika, geboren, lebt aber heute in Israel, im Kibbuz Merav, dessen Bürgermeisterin sie zurzeit ist.
Text: Marita Zorbach