Zu Besuch im Kibbuz Merav

 

Unsere Reisegruppe - die Botschafter der unbekannten Heimat
Wohl versorgt mit Gastgeschenken, mit anschaulichem Informationsmaterial über den Mittelrhein, unsere Heimat, sowie einem Einladungsschreiben von Pfr. Wallau in hebräischer und deutscher Sprache und einem ganz persönlichen Geschenk von Ellen Stein, eine selbst getöpferte Katze, fuhren wir am zweiten Tag unserer Israelreise nachmittags mit unserem Reisebus nach Merav, dem Kibbuz südwestlich des See Genezareth. Die Fahrt dauerte doch länger als zunächst erwartet, führte durch das Jordantal nach Bet Shean und über manche Seitenstraße hinauf in die sanft hügeligen Gilboa Berge. Je höher wir kamen, um so beeindruckender war der Blick in die Weite des Jordantals, bis zu den gegenüberliegenden Ber-gen auf jordanischer Seite.

Überrascht waren wir, als wir dem Ziel zum Greifen nah vor einer hohen Zaunanlage mit Stacheldraht auf der Krone Halt machen mussten. Doch wie von Geisterhand öffnete sich das schwere, eiserne Tor. Man hatte uns erwartet und sicher auf dem Kontrollbildschirm erkannt. Nach ca. 200 m stoppte unser Bus erneut, eine zweite wehrhafte Sperranlage musste geöffnet werden. Trennende Sperranlagen sind in unserer Heimat, in Deutschland Gott sei Dank Teil der Geschichte, an die man sich kaum noch erinnert. Hier im Kibbuz nahe der Grenze Israels zur Westbank gehören sie wohl – noch - selbstverständlich zum Alltagsleben.

Im Kibbuzzentrum angekommen erlebten wir, dass wir in der Tat freudig erwartet wurden.
Wir, die Boten aus der fernen und noch unbekannten Heimat der Mutter, Brigitte Blumenthal. Judy wartete nicht alleine. Ihr Bruder Michael, auch in den USA geboren, der in einem Kibbuz auf den Golanhöhen lebt, war extra herübergekommen, um ebenfalls den Besuch vom Mittelrhein willkommen zu heißen und zu erleben. Die An-spannung und Freude über die nicht alltägliche Begegnung zwischen Menschen aus Amerika und Deutschland, die sich in Israel spontan, offen und herzlich treffen, so als wären sie schon immer miteinander vertraut, als hätte das unsägliche Leid während der Nazi-Herrschaft keine Spuren hinter-lassen, das hat doch hier und dort in den Augen ein Tränchen der Rührung hervorquellen lassen.

Der Kibbuz Merav ist anders.
Nach einer kurzen Erfrischungspause und einem ersten Informationsaustausch zeigten uns Judy und Michael ihr Dorf, ein moderner, bewusst religiöser Kibbuz, der erst 1982 gegründet wurde. Wir spazierten durch die „Dorfstraßen“, vorbei an schmucken, hellen Einfamilienhäusern. Es gibt einen Laden, ein Verwaltungsgebäude mit einer Krankenstation, eine Synagoge mit angeschlossener Bibliothek und eine Grundschule. Es war für uns schon überraschend zu hören, dass es unter den 500 Bewohnern des Kibbuz rund 350 Kinder gibt. Die ältesten Kibbuzbewohner sind Anfang 50. Der Kibbuz betreibt Landwirtschaft mit Milchvieh und erprobt gerade den Anbau von Weintrauben. Vielleicht können auch wir bald Trauben aus Merav im Obstladen kaufen.
Alles machte einen freundlichen und großzügigen Eindruck. Überall Blumen und blühende Sträucher, obwohl allenthalben das Frühjahrsgrün seinen Höhepunkt bereits überschritten hatte.

Der Kibbuz Merav ist doch ganz anders, als man sich das aus den Anfängen des Staates Israel vorstellen konnte. Viele Kibbuzbewohner arbeiten außerhalb, in Büros, Krankenhäusern und Betrieben, die nichts mit dem Kibbuz zu tun haben. Die traditionellen Familien, die Eltern mit ihren Kindern gestalten ihr Leben. Das Band, das die Kibbuzbewohner verbindet ist ihre Religiosität.

Menschen suchen ihr kleines Glück in der komplizierten Welt.
Die feierliche Begrüßung der Gäste aus Deutschland schloss sich an den Rundgang an. Dazu fuhren wir mit dem Bus zu dem herrlich gelegenen Versammlungsplatz des Kibbuz. Ebenfalls von einem Sicherheitszaum umgeben, bot er erneut einen unbeschreiblichen Ausblick in die Weite des Jordantal, bis zu den Golanhöhen jenseits des See Gennesaret. Unsere Mittelrheinlandschaft rund um den Loreleyfelsen ist wahrlich schön. Das Panorama dort ist weiträumig, großartig, majestätisch und geschichtsträchtig. Mit einem Blick erkennt man aktuelle lokale Besonder-heiten, die leider Teil und auch Gegenstand ungelöster Probleme der Welt-politik sind. Bei der leidenschaftlichen und emotionalen Ansprache des ört-lichen Lehrers wurden uns Episoden und Geschichten aus uralten, biblischen Zeiten ins Gedächtnis gerufen. Sie machte uns deutlich, in welch ho-hem Maß das Fühlen, die Grund-stimmung und das aktuelle politische Handeln, besonders der religiösen Menschen in Israel, von der Sorge um die Sicherheit des Landes .und der Bevölkerung bestimmt sind.

Die Reisegruppe vom Mittelrhein hatte, wie bereits erwähnt, Geschenke im Gepäck, die Dieter Zorbach an diesem einzigartigen Platz mit dem Dank für die Einladung zum Besuch des Kibbuz und mit dem Überbringen der Einla-dung nach Ruppertshofen verband. Judy und Michael waren sichtbar gerührt und erfreut. Wir, die Botschafter aus der Heimat der Mutter und der Großeltern, hatten auch Fotos und Skizzen dabei, die die Situation und das Leben im Ruppertshofen der dreißiger Jahre andeuteten. Judy und ihr Bruder zeigten auch uns Fotos und gerahmte Bilder, beispielsweise von das Hochzeitsfoto der Großeltern aus der damaligen Zeit und aktuelle Fotos von ihrer eigenen Familie. Der Brief von Pfr. Wallau an Judy – auf Hebräisch und Deutsch abgefasst, der in deut-scher Fassung angefügt ist, hat unser Guide Jacob auf Hebräisch und unser Pfr. Peter Fleckenstein für die Reisegruppe auf Deutsch vorgelesen.
Der Besuch im Kibbuz Merav, der uns beeindruckende Bilder in der Seele verankert hat, ging zu Ende, wie könnte es bei der Initiative 55 plus-minus anders sein, mit dem Anstimmen des uns so vertrauten Loreleyliedes. Hermann Lenz hatte den Text auf Grußkarten vom Rhein mitgebracht. Romantik und friedvolle Idylle vom Rhein bis zum Jordan. Menschen in Merav, Israel, Palästina und Deutschland, die ihr kleines Glück in einer komplizierten Welt suchen.

Ob es ein Wiedersehen mit Judy und Michael in Ruppertshofen geben wird?
Unseren Auftrag der Kontaktaufnahme und der ersten Begegnung haben wir erfüllt. Sicher haben wir den beiden ein Stück der unbekannten Heimat ihrer Eltern und Großeltern gebracht. Wir waren für einen Augenblick Boten des Friedens und der Verständigung über alle Dunkelheit der Geschichte hinaus.

In der Abendstille schweifte noch einmal der Blick über das vor uns liegende fruchtbare Jordantal nach Norden zu den Golanhöhen, nach Osten zu den jordanischen Bergen und nach Süden in Richtung Totes Meer. Dann hieß es in der anbrechenden Dunkelheit Abschied nehmen. Denn mit unserem Bus ging es weiter zum See Genezareth, zum Hotel Kinar. Aber die Erlebnisse dort sind eine andere Geschichte.

Text: Marita Zorbach