1. Wo kann ich geistige Heimat finden?

Der Frankfurter Kirchentag hat mir in Halle 4 des Markts der Möglichkeiten eindrücklich gezeigt, welche unterschiedlichen Persönlichkeiten und Initiativen im Raum der Kirche Heimat und Plattform finden. Menschen – in ihrer eigenen Art fantastisch und von ganz unterschiedlichen Erfahrungen geprägt – präsentierten ihr Thema, führten leidenschaftliche Gespräche mit Interessierten oder Gleichgesinnten. Das baut auf!

Auch Vertreter der älteren Generation – eigenständige und dennoch in Netzwerken miteinander verbunden – berichteten strahlend: von ihrer Wandergruppe, der täglichen Telefonkette, dem Internetcafé und von ihrer Teilnahme am Sprachkurs. Welche Vielfalt, die dem Interessierten – Mann oder Frau, jung oder alt – Heimat und Anregung für eigene Weiterentwicklung bieten kann! Alles Initiativen, die neben der traditionellen Bibelarbeit in den bunten Blumenstrauß kirchlicher Erwachsenenbildung gehören.

Mir wurde bei den Gesprächen an den Marktständen deutlich, dass solche Initiativen immer nur in den Städten entwickelt wurden und ihre Teilnehmer fanden. Natürlich ist es gut, dass es Angebote der Mitgestaltung und der Teilhabe in dem angedeuteten Sinn gibt. Sie bilden den Einzelnen und prägen vielleicht hier und dort das Erscheinungsbild der Kirche und ihr Wirken in die Gesellschaft. Aber leider nehme ich von solchen Angoten nur in kirchlichen Verlautbarungen und in mündlichen Berichten Kenntnis. Zwar bin ich seit über 35 Jahren in vielfältiger Weise im kirchlichen Ehrenamt im Bereich der EKHN tätig, aber außerhalb der städtischen Ballungsräume.

Im ländlichen Bereich ist ebenfalls ein enormer Bedarf an Bildung und zwar sowohl zur Orientierung in der pluralen Gesellschaft als auch zur Förderung der eigenen Talente, der Persönlichkeit. Auch außerhalb der Städte ist die Gesellschaft so ausdifferenziert, sind die Lebensverhältnisse der Gemeindeglieder so individuell unterschiedlich, dass der Einzelne zwar Mitglied einer Kirchengemeinde in einem Dekanat ist und trotzdem bei vielen Gelegenheiten keine Heimat in seiner Kirche findet. Auf der Suche nach Anstößen zur persönlichen Weiterentwicklung oder zur Reflexion des eigenen Glaubens findet er in seiner Gemeinde nicht die Gelegenheiten und das Umfeld.

Das allgemeine, sonntägliche Gottesdienstangebot, die kirchlichen Amtshandlungen und das jährliche Gemeindefest reichen nicht aus, um den Kirchensteuerzahler zum Gemeindeglied zu machen, um ihm zu ermöglichen, wozu er berufen ist: mit seinen Gaben Kirche mit zu gestalten, am geistlichen Leben teil zu nehmen, sich in seinen eigenen Fähigkeiten zum eignen Wohl und zum Nutzen der Mitmenschen zu entwickeln.

Sollen wir auf zufällige beglückende Begegnungen und Erlebnisse auf dem Markt der Möglichkeiten des kommenden Kirchentages in Berlin warten oder finden wir realistische Ansätze gegen innere Einsamkeit und Perspektivlosigkeit vereinzelter Gemeindeglieder? Da der Protestantismus den mündigen Christen will, ist Bildung und ständige Weiterentwicklung nicht nur eine Forderung, die wir aus unserer Gesellschaft, die sich demokratisch versteht und von ständigem technologischem Fortschritt bestimmt wird, kennen, sondern auch ein Schlüssel zur Erneuerung und Akzeptanz der Kirche vor Ort. Natürlich leben wir gleichzeitig in einer vielfältigen Konsumgesellschaft, die das Ideal des selbstbestimmten und gebildeteten Lebens mithilfe der Werbung sehr erfolgreich aushebelt und uns alle zu den Lebensmodellen und Wertvorstellungen verführt, die „in“ oder „trendy“ sind. Die Aussteiger aus dem Konsumterror benutzen ihren eigenen Kopf, machen sich Gedanken, suchen neue Perspektiven, versammeln sich in interessanten Foren und mitunter skurrilen Nischen. Das kritische Hinterfragen unserer Art zu leben muss auch Teil der kirchlichen Bildungsarbeit sein und zwar in Formen, die die aktive Teilhabe interessierter Gemeindeglieder in Stadt und Land fördert.