5. Alte sind stark! - Ich greife nicht zur Flasche

Es ist selbstverständliche Forderung der Gesellschaft: Kinder stark machen! Denn, wem die Jugend gehört, dem gehört die Zukunft.
Unter dieser Zielsetzung werden seit Jahren pädagogische und methodische Konzepte entwickelt und umgesetzt, die die Eigeninitiative der Jugendlichen, die Entwicklung aus eigener Kraft und in eigener Verantwortung fördern. Einerseits ist damit die Hoffnung verbunden, dass die jungen Leute so mit Kompetenzen ausgestattet eher den Gefährdungen durch die vielen geheimen und offenen Verführer widerstehen. Andererseits werden die selbstbewussten, selbstsicheren jungen Erwachsenen die wertvollen und gesuchten Mitarbeiter in der Erwerbsgesellschaft sein.

Wie aber geht die Gesellschaft mit den älteren Mitbürgern um? Es müsste logischerweise die Forderung gestaltet werden: Alte stark machen!

Sie haben Kraft, sich in eigener Verantwortung weiter zu entwickeln. Sie müssten sich ein neues Selbstbewusstsein und neue Rahmenbedingungen aneignen für den vierten Lebensabschnitt. Statt verzweifelt auf die drohende Sinnentleerung und die Krise am Ende des aktiven Lebens zu starren, brauchen sie Hilfe – weniger Anleitung, eher Modelle – zum Stützen oder gar Entwickeln der eigenen Selbstwirksamkeitserwartung, also ihrer Gewissheit mit ihrer eigenen Leistungsfähigkeit und Kompetent das Leben meistern zu können.

Viele Gespräche, die ich im Kontext der hier entwickelten Gedanken mit älteren Menschen geführt habe, z.T. im Blick auf ihr baldiges Ausscheiden aus dem Berufsleben, aber auch mit gerade (noch) rüstigen Rentnern, drehten sich um die Frage nach sinnerfüllter Beschäftigung bzw. um die Sorge vor der zu erwartenden Hilflosigkeit, dem Ausgeliefertsein in der letzten Phase des Lebens. Strategien haben meine Gesprächspartner trotz ihrer beruflichen Kompetenz und ausgeformten Persönlichkeit für die angesprochenen Probleme nicht. Ihre Kirche als mögliches Forum der Orientierung und der Hilfe kam ihnen leider nicht in den Sinn. Schade!

In der Rhein-Lahn-Zeitung vom 01.03.01 war folgende kurze Meldung auf der Titelseite zu lesen:

In Deutschland greifen immer mehr alte Menschen zur Flasche oder zu Medikamenten. Laut Diakonischem Werk Baden in Karlsruhe sind 5 Prozent der 65- bis 75-Jährigen abhängig. Vor allem allein stehende Frauen, die mit ihren Verlusterfahrungen nicht zurechtkommen, greifen demnach zur Flasche. Das deutsche Gesundheitswesen sei auf diese Entwicklung nicht vorbereitet.

Natürlich handelt es sich bei sehr vielen dieser Frauen (und Männer) um Mitglieder von Kirchengemeinden. Mir ist nicht bekannt, dass die Kirchengemeinden oder Dekanate für diese Menschen kompetente, nachgehende und langfristige Angebote oder Selbsthilfegruppen anbieten.

Ist das nicht auffällig, dass die Leistungsgesellschaft denen, die aus dem Produktionsprozess ausgeschieden sind, keine Perspektive, keine ermutigende Konzepte andient?